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Písně a tance před branami renesance

Lied und Tanz vor den Toren der Renaissance

Europäische Musik und Tanz vom Ende des 14. bis Anfang des 16. Jahrh.
Musik: KVINTERNA, Leiterin Hana Blochová
Tanz: Chorea Historica, umělecká vedoucí Eva Kröschlová
Kostüme: Markéta Stormová, Pavla Vaculíková, Hana Blochová
Masky: Václavka Křesadlová
Regie, Tanz-Rekonstruktionen und Choreographie: Eva Kröschlová
Premiere 2.7.2003 Mezinárodní operní festival Smetanova Litomyšl.

Als nordlich und westlich der Alpen noch des Mittelalter regierte, in Italien wurde schon die Renaissance geboren. Als Haupt-Tanz des späten Mittelalters galt der Sg. "niedrige Tanz" - basse danse, baxa danza, baixa danza, bassa danza, baunce dance - ein Hoftanz, der Erhabenheit und Vornehmheit ausdrückte. Über seinen Ursprung streiten Spanien und Frankreich, obwohl auch Italien nicht ausgeschlossen ist. Er wurde in Burg-Hallen und Höfen getanzt, meistens als Prozession von Paaren, weniger in Dreiern, in Italien auch als Solo-Tanz. Neben ihm lebten noch Kreis- und Ketten-Tänze, die wir nur aus Abbildungen oder Erwähnungen aus literarischen und musikalischen Quellen kennen. So zum Beispiel wissen wir aus Bemerkungen bei einigen Pilger-Liedern aus dem Llibre Vermell des katalonischen Klosters in Montserrat, dass man bei ihnen tanzte, und zwar im Kreis. Dieses Buch wurde erst im 19. Jahrh. in Spanien gefunden, im roten Sammt eingebunden. Ausser teologischer Texte, Urkunden über die Privilegien dieses Benediktiner-Klosters und einem Verzeichnis der Wunder der Schwarzen Madonna enthält es auch 10 Lieder, die der Wunder-Madonna gewidmet sind und den Pilgern, die dort weilten, zum Singen und Tanzen dienten. Die Lieder sind in verschiedenen Sprachen geschrieben (lateinisch, katalonisch u.a.), sie unterscheiden sich durch Stil und Notation, aber alle gehören schon zum Musik-Stil Ars nova. Es handelt sich um eine unikate Kollektion von Marien-Liedern, zBsp. virelai Stella splendens, Polorum regina und Cuncti simus.

Eine herrvorragende Quelle ist auch El Cancionero de Palacio 1474 – 1516), eine Sammlung, die die katalonischen Majestäten Spaniens des 15. Jahrh. - des Königs von Katalonien und Aragon Ferdinand II. (1452 – 1516), und der Königin von Kastilien und Leon Isabella I. (1451 – 1504). Sie enthält Minne- und geistliche Lieder im villancicos-Stil, deren Autoren, Juan del Enzina, Francisco Millán, Gabriel, Jacobus Milarte u.a. waren. Aus dieser Sammlung überlebten 458 autentische Hof-Leider, welche der spanischen Musik-Tradition angehörten, die am Hofe der genannten Könige entstand. Im Text dieser Leider wird stets der geistliche und moralische Standpunkt akzentuiert. Der bekannte Komponist und Dichter Juan del Enzina (1469 – 1529) hat 72 Bücher von Renaissance-Liedern geschrieben (davon singen wir Mas vale trocar resp. Hermitaňo), Francisco Millán war einer der populärsten Sänger des Hofes von Isabella von Kastilien, Gabriel (No so yo quien descumbre) war Komponist und Sänger am Hofe Ferdinand II.

Mit dem Spät-Mittelalter ist der Begriff Toten-Tanz verbunden - das Thema hat fast alle Künste berührt. Die Vorstellung, dass sich die Toten im Tanz-Schritt bewegen, hat schon vorhistorische Wurzeln, aber die Verkettung von Toten mit Lebenden ist ein spätgotisches Motiv. Folgen der Kreuzfahrten und des Papst-Schizma, Ketzer-Bewegungen, Geschlechter-Zwisten , die Pest und Lepra - das alles hat erhöhte Reizbarkeit erweckt, die zwischen Religiösigkeit und Gottesleugnung, zwischen Formalität und Zügellosigkeit wankte. Das Gefühl von Unsicherheit betraf auch das Leben nach dem Tod. Die Danse Macabre der Lebenden mit den Toten symbolisierte den Untergang und Verderb, wo der Herr und der Sklave gleich verdammt werden. Ad mortem festinamus aus dem Llibre Vermell ist wohl das früheste Beispiel zu diesem Thema. Nach den Abbildungen auf Friedhof- und Kirchen-Wänden, aus vielen Gedichten und späteren Holzschnitten, können wir uns eine Vorstellung machen über den vom Tod geführten Reigen, in dem die Personen nach den Ständen gereiht sind, vom Papst und Kaiser bis zum Bettler.

Mit dem Begriff Morisca ist es nicht so einfach. Durch drei Jahrhunderte bezeichnet er verschiedenste Tänze, Pantomimen oder Theater-Auftritte. Der Name hängt mit den christianisierten Mauren zusammen, deren Nachkommen in Spanien Moriscos genannt wurden. Ein Typus stellt im Waffentanz den Kampf zwischen Christen und Mauren oder zwischen Gut und Böse vor, welcher Vorläufer schon in den primitiven Komuntäten hatte. Einen anderen Typus zeigten Auftritte geschwärzter "Narren" mit Schellen. Zu denen gehört wohl die Szene auf einer Gravierung von Israel von Meckenem (cca 1460), welcher den heute presentierten Tanz inspiriert hat. Musikstücke dieses Namens stammen erst aus dem 16. Jahrh., aber die Melodien sind so einfach, dass sie auch älter sein können.

Auch den Sefardischen Balladen (Sefarad war die biblische Bezeichung der Iberischen Halbinsel) ist im heutigen Programm Platz gewidmet. Die jüdischen "ewigen Pilger" haben sich schon im 3. Jahrh. in Spanien niedergelassen zusammen mit den Arabern. Unter der Herrschaft der almohedischen Dynastie ist im mittelalterlichen Spanien im 10. - 13. Jahrh. eine spezifische Musik-Produktion entstanden, welche durch die multikulturellen Situation, in der Christen, Juden und Muslims nebeneinender lebten bedingt war. Überwiegend sind uns Aufzeichungen weltlicher Balladen aus der Renaissance überliefert worden - es ist aber offenkundig, dass es meistens Aufzeichnungen viel älterer Melodien sind, welche oft ihren vorzeitlichen Ursprung im Orient nicht leugnen. Nach der Vertreibung der Juden durch das Dekret der Königin Isabella I. von Kastilien im Jahre 1492 kommen ihre Lieder in verschiedenen Ländern Europas vor, zBsp. auf dem Balkan und in der Türkei.

Die ersten burgundischen und katalonischen Aufzeichungen von Schrittfolgen einzelner "niederen Tänze" waren noch anonym (unsere Quellen waren die Handschriften von Brüssel und Cervera). Dagegen haben die italienischen Handschriften ihre Autoren, geehrte Tanzmeister, welche eine neue Tanzform schufen, das "ballo" oder "balletto" für zwei bis zwölf vornehme Tänzer (zBsp. Domenico da Piacenza und Guglielmo Ebreo). Jedes war mit seiner speziellen Melodie verbunden, deren Struktur mit der choreographischen Struktur übereinstimmte und meist im Tempo und Metrum verschiedene Rhytmen ausnutzte. Es kam darauf an Raum-Figuren zu bilden, in denen sich der symbolische Sinn veränderte, den sie in früheren Ritual-Tänzen und in den Zunft-Tänzen hatten. Das Beispiel einer Bassa danza für 3 Tänzer "Venus" hat Lorenzo Medici "Magnifico" inventiert, aufgeschrieben wurde sie von Meister Giorgio. In ihren Traktaten bringen die Meister nicht nur Beschreibungen der Bewegungen und der Tanz-Wege, aber auch ihre eigene Tanztheorie, die im Tanz eine Synthese von Bewegung, Musik und Raum sieht. Den Tänzern legten sie aufs Herz, jede dieser Komponente zu durchleben und den Tanz als Kunstwerk zu bieten. Dadurch haben sie sich zur neuen Weltanschauung der jungen Generation von Dichtern, Malern, Bildhauern, Architekten und Komponisten angeschlossen, mit denen zusammen sie die Tore der neuen Epoche - der Ranaissance - öffneten.

Eva Kröschlová

 

Programm:

Pilger-Lieder und Tänze vom Kloster Montserrat (Quelle LV, Arrangement Kv, Choreographie EK)
On das do mar
Stella splendens
Los set goytxs
Polorum regina

Villancicos (pramen CP)
No so yo quien descumbre (Gabriel)
Enemiga le soy madre (anonym, Juan de Espinosa)

Burgundischen Hof-Tänze (prameny MsB a MT, arr. Kv a AS, taneční rekonstrukce IB a EK)
Franchoise nouelle – basse danse
Fleur de gaiette – carole
Danse de Cleves – basse danse
Beauté de Castille – basse danse

Französische und Spanische Hof-Lieder
D´amour je suis desheritee
Arcángel San Miguel
(pramen CP, Lope de Baena)
Hermitaňo (pramen CP, Juan del Enzina)

Toten-Tanz
Ad mortem festinamus (pramen LV, arr. Kv, choreografie EK)

Přestávka

Morisca (pramen TS, arr. Kv, choreografie EK)

Sefardische Balladen (pramen SB)
Secretos descuvrir
Avrix mi galanica
Mas vale trocar
(Juan del Enzina)

Katalonische Hof-Tänze (prameny HI a GE, arr. Kv a AS, MsC - transkripce CM, rekonstrukce EK)
La Spagna – baixa danza
Ioyos – baixa danza

Sefardische Balladen (pramen SB)
Morena
La rosa enflorece
Yo m´enamorí d´un aire

Hof-Tänze von Romagna, Umbria und Marche Quellen GE, DP, G, GA, GAD, Arr. Kv, PD und IH, Tanz-Rekonstruktionen EK, BS, VD; bassa danza Venus von Lorenzo Medici, Arr. PD, Tanz-Rekonstr. BS und EK)
Colonnese - ballo in 6
Venus – bassa danza in 3
Verceppe – ballo in 5 – una scaramucha
Piva – danza villanica
Petit riense – ballo in 3

Quellen:
LV - Llibre Vermell – Lieder-Sammlung, Montserrat (Ende 14. Jahrh.)
CP - El Cancionero de Palacio (1474 - 1516), Manuscript, Madrid No.1335
MsB - Manuskript von Brüssel (15. stol.)
MT - Michel Toulouze (cca 1472 - 86)
MsP - Manuskript von Paris (15. stol.)
HI - Heinrich Isaac
MsC - Manuskript von Cervera (ca 1490)
JW - J. Weck (1513)
TS - Tielman Susato (1551)
SB - Chanale Milner - Paul Storm: Sefardische liederen en balladen, Haag 1974
GE - Guglielmo Ebreo (1463)
DP - Domenico da Piacenza (ca 1450)
GA - Giovanni Ambrosio (ca 1470)
G - Maestro Giorgio (2. pol. 15.stol.)
GAD - G. A. Dalza (1508)

Musik-Arrangement:
Kv - Kvinterna
SA - Susanne Ansorg
PD - Peter Dechant
IH - Ian Harrison

Tanz-Rekonstruktion:
EK - Eva Kröschlová
IB - Ingrid Brainard
CM - Carles Mas
BS - Barbara Sparti
VD - Véronique Daniels